2009 habe ich durch den PC Release von Street Fighter 4 zu Hardedge gefunden und bin seitdem nicht mehr von der deutschen FGC losgekommen.

Mehr als 8 Jahre sind vergangen und das Feuer brennt immer noch in mir.
Wie kann das sein? Und wieso lassen mich so viele andere Genres kalt?
Wann werde ich normal und fange endlich an LoL, Dota oder Hearthstone zu spielen?
Ich hab doch früher Shooter so gern gemocht, wäre Overwatch nicht vielleicht was für mich?
Oder vielleicht dieses neumodische Players Unknown Battlegrounds,
das ist bestimmt mal wieder was ganz neues – frischer Wind und so…

Fighting Games sind schon lange nicht mehr auf dem Stand der Technik.

Fighting Games sind schon ziemlich altbacken und schon lange nicht mehr auf dem neusten Stand der Technik.

 

… Und doch bleibe ich dem Genre immer wieder treu.

Meine guten alten Freunde können mit Fighting Games nichts anfangen.
Viel zu schwierig ist der Einstieg sagen Sie und außerdem ist es doch langweilig immer nur 1vs1 zu spielen.
Eigentlich müsste ich nur kurz Steam und Teamspeak herunterladen und schon könnten wir wieder den derzeitigen „Flavor-of-the-Month-Multiplayer-Shooter“ zusammen spielen, so wie früher eben.

Warum verschwende ich eigentlich überhaupt so viel Zeit meines Lebens mit Videospielen?
Diese Frage plagte mich früher ständig. Ich hatte damals längst einen Punkt überschritten, an dem das Spielen wirklich noch Spaß machte. Am Anfang machten die Games immer viel Spaß aber je besser ich wurde, desto weniger Spaß hatte ich bzw. desto mehr regte ich mich auf wenn’s mal nicht so gut lief.

Verlieren war etwas, was ich abgrundtief hasste, ich war es auch einfach nicht gewohnt zu verlieren, dadurch dass ich meine First Person Shooter Skills schon im Kindesalter erlernt hatte, hatte ich immer einen deutlichen Vorsprung von Anfang an und es fiel mir sehr leicht bei jedem neuen Shooter immer gleich oben mitzuspielen, worauf ich mir auch immer viel einbildete.
Aber um ganz oben mitzuspielen fehlten mir stets die Disziplin und das richtige Team und somit wurde ich immer frustrierter und je mehr Zeit ich investierte, desto mehr vereinsamte ich Zuhause alleine vor meinem Computer.

Irgendwann brach dann alles wie ein Kartenhaus zusammen und Ich wusste: Ich kann so einfach nicht mehr weitermachen. Entweder ich würde mir ein ganz neues Hobby suchen und die Zockerei für immer an den Nagel hängen oder meine Einstellung zum Hobby „Gaming“ grundsätzlich überdenken.

Ich ließ die Zeit geistig zurückspulen bis zu dem Moment, als ich das erste Mal mit Videospielen in Berührung gekommen war.
Ich muss wohl 5 oder 6 Jahre alt gewesen sein und es war ein Familien-Camping-Urlaub in Frankreich.
Mein Vater nahm mich eines Abends mit an einen magischen Ort.
In einer großen Halle waren zahlreiche Automaten aufgestellt, in allen Formen und Farben.
Überall waren Kinder, die von ihren Eltern ein paar Franc bekommen hatten und damit versuchten möglichst lange zu überleben – und wenn Sie Pleite waren taten Sie einfach so als wäre nichts passiert und als würde das Spiel weitergehen auch wenn eigentlich längst ersichtlich war, dass Sie Game Over gegangen waren.
Und so ging ich irgendwann durch die Spielhalle mit meiner letzten Münze und suchte nach dem ultimativen Videospiel. Plötzlich fiel mir dieses eine Spiel auf, was aus der Masse hervorstach.
Es war für 2 Spieler konzipiert, die gegeneinander spielen mussten und jedem Spieler standen unglaubliche 6 Knöpfe und ein Joystick zur Verfügung.
Street Fighter… obwohl ich damals wohl kaum richtig englisch verstand, wurde mir schnell klar, was das wohl bedeuten musste.

Street Fighter 2 Legende Tomo Ohira vor einem originalem SF2 Automaten

Die Legende Tomo Ohira vor einem originalem Street Fighter 2: Champion Edition Automaten

Ein Spiel, indem die besten Kämpfer der Welt zusammen kommen, um mit ihren unterschiedlichsten Kampfstilen gegeneinander anzutreten.
Da war dieser fiese riesige muskelbepackte Russe, der seine Gegner zerquetschte oder der spanische Ninja mit seiner Klaue der an Zäunen hochkletterte und sich von der Wand abstoßen konnte oder der Yoga Meister der seine Arme und Beine über den halben Bildschirm wie Gummiseile flitschen lassen konnte und Feuer spuckte.
Jeder Charakter hatte wirklich etwas besonderes an sich und brannte sich ganz tief in mein Gedächtnis ein.
Und ich stellte fest: Das war wirklich eine der aufregendsten und schönsten Erinnerungen, die ich jemals hatte.

Und plötzlich traf es mich wie ein Geistesblitz. Was war eigentlich aus Street Fighter geworden?
Gibt es das Spiel vielleicht noch heute? Was wäre wenn Leute das Spiel heute noch spielen würden, so wie ich es damals gegen meinen Vater spielte?

Ich begab mich auf die Spurensuche und lernte die Geschichte von Street Fighter mit all seinen zahlreichen Versionen und Abspaltungen kennen.Durch Umwege über die arcadezentrum.com fand ich somit zu Hardedge und konnte anfangs kaum fassen, dass diese parallele Welt all die Jahre existiert hatte ohne dass ich davon etwas mitbekam.
Ich hätte es niemals für möglich gehalten, dass noch Jemand 2009 diese alten Prügelspiele spielt.
Voller Euphorie kaufte ich mir Street Fighter 4 für den PC und begann mein „Training“ was größtenteils aus Blanka Bällen spammen bestand.

Es dauerte nicht lange bis ich meinen ersten „Reality Check“ auf dem Fightclub NRW Treffen bekam.
Ohne zu wissen was mich erwartet und wie gut die anderen sind fuhr ich kurzentschlossen mit einem Freund nach Leverkusen und machte bei dem Street Fighter 4 Turnier mit.
Anfangs konnte ich mich mit meinem Ghetto-Blanka noch ein paar Runden durchfrauden, doch schnell traf ich auf Spieler, die wussten was sie taten und mir somit die Grenzen meines Wahnsinns deutlich aufzeigten.

Das war für mich eine ganz neue Erfahrung. Zum ersten Mal war ich gefühlt unterdurchschnittlich schlecht. Alle um mich herum schienen sich so intensiv mit dem Spiel befasst zu haben, als hätten Sie ihr Leben lang nichts anderes gemacht.

 

Etwas niedergeschlagen musste ich mir eingestehen, dass meine Fähigkeiten in Shootern mir nicht mehr weiterhalfen. Und somit war fortan zuschauen, studieren und nachahmen angesagt.
Ich sah wie in der Top 8 für mich unbesiegbare Titanen aufeinander trafen und wie einige von Ihnen mit dem letzten Fitzelchen ihrer Life Bar das unmögliche Comeback doch noch möglich machten.
Alles fühlte sich plötzlich so richtig an. Man konnte sehen, dass diejenigen, die Arbeit investiert hatten und viel über das Spiel gelernt hatten am Ende diejenigen waren die sich durchsetzen.
Selbst ich als völlig unerfahrener Spieler konnte stets sehen, wer die Oberhand hatte und ich konnte die Strategien nachvollziehen und sehen wie Spieler anhand von Matchups ihren Spielstiel anpassten.
Niemand konnte sein eigenes Verschulden irgendeinem Team anhängen und jeder war für seinen Ruhm oder für seine Niederlage zu 100% selbst verantwortlich.
Und wer verlor nahm die Sache wie ein Ehrenmann hin und schüttelte dem Gewinner die Hand zum Zeichen der Anerkennung seines Sieges.
Egal wie dick oder wie dünn, welche Hautfarbe oder welcher Herkunft, alle waren irgendwo Street Fighter Freaks und das einzige was zählte, war wie sie spielten.

Ich war zu tiefst beeindruckt und wusste: Das ist es, was ich gesucht habe.
Das ist das ultimative Spielerlebnis.

Do you know what they say? The Third Strike is what counts.

Do you know what they say? The Third Strike is what counts.

Und so wurde ich tiefer und tiefer in die Szene gesogen und ich trainierte fast täglich.
Ich lernte, dass das, was ich an Street Fighter mochte genauso auf andere Fighting Games zutraf.
Durch die Hardedge Wiki begann ich mir auch unterschiedliche Games anzuschauen und begann ihre Nuancen zu schätzen.
Es beeindruckte mich zu tiefst, wie wissenschaftlich einige Mitglieder der Community ihre Spiele analysierten und ihre Entdeckungen in der Wiki niederschrieben.
Es fühlte sich ein bisschen so an, als wäre ich auf eine unbekannte mystische Wissenschaft gestoßen, die für den Mainstream verborgen geblieben war.
Während der Rest der Welt Fighting Games nie wirklich verstanden hatte und diese Spiele immer als hirnlose „Masher-Games“ abgestempelt hatte, gab es dort Leute, die die Wahrheit kannten und die unglaubliche Tiefe dieser Spiele verstanden.

Wenn mich ein Spiel begann zu langweilen oder mich nervte schaute ich mir einfach das Nächste an.
So wurde mir nie langweilig, denn ich lernte immer wieder etwas Neues.

Ein Auszug aus dem berühmten kulinarischem Ratgeber der Hardedge Wiki

Ein Auszug aus dem berühmten kulinarischem Ratgeber der Hardedge Wiki

Täglich angetrieben durch den Wunsch auch irgendwann ganz oben mitspielen zu dürfen und mir den Respekt der guten Spieler zu verdienen, so dass auch Sie irgendwann meine Hand schütteln werden, wenn ich gewinne.

Heute blicke ich zurück auf eine lange Zeit, die hinter mir liegt.
Mehr als 8 Jahre sind vergangen, ich habe dutzende Fighting Games gelernt, bin auf etliche Turniere gefahren und ich bin trotzdem mit meinem Gameplay immer noch nicht ansatzweise dort, wo ich die Perfektion sehe.
Manchmal frage ich mich heute, war es das wert? All die Jahre in denen ich mich versucht habe zu verbessern nur um festzustellen, dass es immer Jemanden geben wird der noch besser ist als ich?

Road to Evo 2012 by Fightclub NRW

Road to Evo 2012 by Fightclub NRW

 

Ich sehe die jungen Talente blühen und beobachte ihren Weg genau.
Wie sie ständig auf die Nase fallen und wieder aufstehen. Wie sie sich nach oben kämpfen.
Ich sehe das Feuer in ihren Augen und dass Sie es auch einmal bis an die Spitze schaffen wollen.
Eine ewige Tradition. Ein ewiger Kreislauf.

Ich frage mich nochmal: War es das wert?

Was ist das eigentlich für eine blöde Frage?

  • Ich habe genau das gemacht, was mir Spaß macht.
  • Ich habe eine Wissenschaft gelernt, von der nur sehr wenige behaupten können, sie wirklich zu verstehen.
  • Ich habe eine Tradition fortgeführt und habe Sie an andere weitervermittelt.
  • Ich habe so viele tolle Momente erlebt und habe so viele leidenschaftliche Menschen kennengelernt, die ihre Ziele verfolgen und mit denen man extrem viel Spaß haben kann, sowohl ingame als auch im Real Life.
  • Ich habe Leute gesehen, die mit dem Rücken an der Wand standen, nicht aufgeben wollten und bis zum letzten Pixel gekämpft haben.

Ja natürlich war es das Wert, verdammt nochmal!

Die deutsche FGC ist etwas Großartiges und wir sollten niemals vergessen, warum wir hier sind:
Wegen unseren Fighting Games, die wir einfach lieben und wegen der Community,
also den Menschen die uns auf unserem Weg begleiten, unseren Mentoren, Rivalen und Trainingspartnern.

Gruppenfoto vom DG Spring 2016 in Dortmund

Gruppenfoto vom DG Spring 2016 in Dortmund

Ich möchte jedem Danken, der mich auf diesem Weg begleitet hat und jeder der mithilft unsere Community zu pushen. Egal welche Rolle ihr in der Community einnehmt: Egal ob Spieler, Mentor, Streamer, TO oder was auch immer ihr tut, um dieses Genre zu pushen: Ich danke euch allen.
Ihr alle leistet euren wichtigen Beitrag, so dass mein Feuer bis heute weiterbrennt und mir niemals langweilig wird.

Wie es mit der deutschen FGC weiter geht steht in den Sternen. Ob irgendwann Fighting Games doch nochmal Mainstream werden? Ob wir immer mehr in Richtung Esports gehen werden?
Wir werden sehen. Ich bin mir sicher: solange wir weiterhin ehrlich zu uns sind und unsere Tradition fortführen kann uns nichts geschehen. Die alten Schriftrollen zeigen: Wir haben schon so viele Dürren überlebt und trotzdem gibt es dieses Genre noch immer.

Manchmal streiten wir uns sinnlos, wegen unseren Games, Hardware, Turnierformaten wegen Esports oder anderen Lappalien aber eigentlich wollen wir doch alle nur das gleiche:
Eine gute Zeit mit den Spielen die uns Spaß machen.

Ranknallen im Insert Game Dojo Solingen

Ranknallen im Insert Game Dojo Solingen

A Fighting Game is something that you not only experience with yourself – but with friends, with enemies, with people that you love and people that you hate.

You wanna do everything to outsmart your opponent. You wanna show them that you have the skills, that you have what it takes.

– Mark Man

 

 

Wie seid ihr zu Hardedge gekommen? Erzählt uns unbedingt davon!