Ein Thema, das so alt ist wie der Wettbewerb selbst und in Zeiten von Leinwänden, Streams, großen Mengen an Zuschauern und Reisebereitschaft von Topspielern zu unseren Events immer mehr an Bedeutung bekommt.
Ich hatte nie vor zu dem Thema etwas zu schreiben. Ich hatte nie die Situation dass ich nervös war auf Turnieren und habe Wege gefunden die Probleme zu überwinden.
Aus diesem Grund sah ich mich nicht der Position Tipps weiterzugeben.
Da aber immer mehr Spieler danach fragten, möchten Sheva und ich unsere Meinung dazu abgeben. Ob es weiterhilft, muss jeder für sich entscheiden.

Was ist Nervosität?

Ich fange mal aus dem Bereich der Persönlichkeitsentwicklung an.
Nervosität kommt daher dass man in einer bestimmten Sache keine Selbssicherheit besitzt.
Man ist sich nicht sicher ob man die Aufgabe erledigen kann, zufriedenstellend erledigen wird oder sich über den Ausgang einfach unsicher ist.

Das kann jeder an sich selber überprüfen. Ist man unsicher wenn man…
– unter bekannten Freunden ist?
– einen Vortrag hält in dessen Thema ein Experte ist
– gegen einen Spieler spielt der deutlich schwächer ist?
– man ein MU spielt das man gut beherscht?

eher weniger…

Wie sieht es aus wenn man…
– eingeladen wird zu einer Versammlung/ Party und keinen kennt?
– einen Vortrag hält und irgendein kompliziertes, langweiliges Thema bekommen hat und das Publikum fremd ist?
– gegen einen Profi spielt?
– gegen einen Spieler spielt dessen MU man nicht kann?

Da sieht die Sache anders aus und man bekommt dieses unangenehme Gefühl im Bauch.

Zusammengefasst würde ich sagen Nervosität/ Unsicherheit entstehen durch 2 Kriterien:
1. Wenn man sich unsicher über den Ausgang ist.
2. Wenn man Angst hat zu scheitern.

1.tes Kriterium:
Ist auch für mich das entscheidende.
Ich habe mit einem Freund gesprochen und er erzählte mir dass er am Ende der Runde wenn beide (oder einer) wenig Leben übrig hat Nervös wird. Er weiß nicht wie die Runde beenden soll.
Auf die Frage was er in dem Moment denkt, sagt er: Das ist es ja. Ab da wird alles leer.

Und das ist für mich unverständlich, weil gerade dann mein Kopf am arbeiten ist. Wenn ich zb Lifelead habe:
– Er muss ein comeback machen, ich muss defensiv bleiben
– seine Möglichkeiten um einen Comeback zu machen sind X
– wahrscheinlich wird er Y machen
– ich muss vor allem auf Z achten

Daher werde ich auch nicht nervös. Denn ich weiß zu jeder Zeit was zu tun ist. Somit kann ich das Match selbstsicher spielen.
Umgekehrt genauso wenn ich  hinten liege.
– Die Situation ist so und so
– Ich muss x tun um ein comeback zu starten
– Die Schwierigkeiten dabei sind xy
usw…

Gerade in solchen Situationen muss man denken und die Situation analysieren. Wenn man in der Schule/Uni/ Beruf nur alle paar Wochen/Monate in so eine Situation kommt, wird es schwierig das zu meistern. Zum Glück gibt es verschiedene Wege, sich gezielt diesen Situationen in FGs auszusetzen. Mehr dazu am Ende.

2.tes Kriterium
Wenn man gegen einen Topspieler spielt, dann hat man nichts zu verlieren.
Gewinnt der Topspieler, hat er nur seinen Soll erfüllt. Verliert er, dann bricht der Shitstorm los: „Daigo verliert gegen einen Noname“ bla bla bla.
In dem Fall sollte zb Daigo Angst vor der Niederlage haben, nicht der Underdog.
Zusätzlich verspüre ich immer viel Freude gegen Topspieler spielen zu dürfen.
„Kein Mindset ist richtig oder falsch. Nur nützlich oder nicht nützlich“.

Zum anderen, warum sollte ich Angst haben zu verlieren wenn ich mich gut vorbereitet habe?
Dann habe ich mein Bestes gegeben und mehr kann ich nicht tun. Das einzig Schlimme ist wenn man gegen Spieler verliert die man hätte besiegen müssen.
Aber auch da war es wieder mein Verschulden und ich kann mich nicht beschweren. Umgekehrt kann ich dankbar sein gezeigt bekommen zu haben, wo meine Defizite sind.
Ich habe schon öfter gegen schlechtere Spieler hinten gelegen. Dann war immer aber zu jeder Zeit bewusst dass ich die Niederlage akzeptieren muss .

Wenn ich das MU jedoch nicht geübt habe und meine Basics nicht sitzen, dann habe ich Angst zu verlieren und das auch zu Recht.
Oder beklagt jemand wirklich seine Niederlagen, obwohl er nichts für den Erfolg investiert hat? Wenn ja, können diese Leute von mir aus sich zu Tode ärgern.
Ehre dem, dem Ehre gebührt.

Abschließend nochmal:
Wenn man weiß was man zu tun hat dann gibt es für mich keinen Grund mehr in einer bestimmten Situation nervös zu werden.
Und noch ein Aufruf von mir: Viel zu viele in Deutschland denken zu wenig nach beim spielen. Die 2te Runde wird genauso gespielt wie die erste.
Und dritte sowieso. Im Autopiloten kann man sich nicht verbessern.

Wenn man nervös wird weil man Angst hat zu verlieren, dann ist es ein Prozess an dem man arbeiten muss. Mit Niederlagen umzugehen lernen und zu seinen Entscheidungen im Match stehen.

Noch einige praktische Übungen:
– 10 eine Combo hintereinander schaffen (gerne auch als Wette oder mit Zuschauern)
– auf Leinwand/ Stream spielen
– First To 5/10 spielen, keine reinen casuals
– seine Matches aufnehmen lassen
– Moneymatches

Von TR Sheva

Stellt euch vor, ihr habt ein zwei Meter langes und ein Meter breites Holzbrett vor euch auf dem Boden liegen. Wenn ihr drüber lauft, verspürt ihr Nervosität? Natürlich nicht.
Jetzt stellt euch vor, dieses zwei mal ein Meter lange Brett führt über eine tiefe, gefährliche Schlucht und ihr müsst darüber laufen….wie fühlt es sich jetzt an?

Nervosität ist immer eine Kopfsache. Nichts anderes.
Nehmen wir an, ihr spielt in der Poolphase gegen einen Gegner bei dem ihr wisst, dass ihr besser seid. Spielt ihr dann lockerer, trefft alle Combos und seid euch vielleicht so siegessicher, dass ihr anfängt fancy Combos zu starten?

Jetzt nehmen wir an, ihr habt euch im Turnier hochgekämpft, ihr steht im Grand Final, die letzte Runde entscheidet über Sieg oder Niederlage. Diese eine Runde entscheidet, ob ihr das Preisgeld von 10.000 Euro mit heimnehmt oder leer nach Hause geht. Wie schwierig ist es dann, eine Combo, die man tausendmal geübt hat, anzubringen? Ich kann nur raten, aber wahrscheinlich schwieriger….

Nur: Was hat sich verändert?! Es ist immer noch dasselbe Spiel, diesselben Combos und wahrscheinlich immer noch euer Controller. Nichts hat sich verändert, ausser den Gedankengängen, die jetzt durch euren Kopf geistern. Also muss man das Problem des Mindsets lösen.

Nervosität ist nichts anderes als Angst. Angst ist jedoch nicht real, es entsteht nur im Kopf. Manche haben Angst fremde Menschen auf der Straße nach dem Weg zu fragen und werden nur bei der Vorstellung davon Nervös. Andere gehen locker auf fremde Menschen zu und sprechen sie an. Der Unterschied ist, dass diese Menschen entweder die Situation gar nicht als angsteinflössend wahrnehmen. Entweder sie haben ein anderes Mindset, haben sich der Situation oft genug gestellt bis die Angst vergangen ist oder sie lernten, mit der Angst umzugehen. Wie schön, dass wir Menschen diese drei (vielleicht auch mehr) Möglichkeiten erlernen können.

Ich kann nun nur als Tipp weitergeben, was mir geholfen hat, mit der Angst (nicht nur in Video-Games) umzugehen.

Mindset:
Angst ist dafür da, mir Adrenalin zu geben. Wenn ich einen Vortrag vor vielen Unbekannten halten muss oder ein wichtiges Game vor mir habe, dann freue ich mich, dass mein Körper mir Gratis Adrenalin zur Verfügung stellt. Andere Leute springen mit Fallschirmen aus dem Flugzeug, um dieses Hormon zu erhalten, doch mein Körper gibt es mir gratis. Vielen Dank dafür!
Dieses Mindset ist das Gegenteil davon, sich der Angst zu widersetzen. Denn wenn ich die Angst bekämpfe, dann kann sie nur größer werden („Oh, ich merke wie ich nervös werde…bitte lass es nicht so schlimm werden…ach verdammt, es wird noch schlimmer. Das gibts doch gar nicht….“). Lieber das aufkommende Gefühl annehmen und etwas positiv darin sehen.

Mit der Angst umgehen:
Es gibt viele kleine Momente im Leben, von denen man Angst hat. So gab es zum Beispiel eine Situation in der Uni, wo die Tutorin was gesagt hat und mir ein guter (echt guter!) Witz eingefallen ist. Ich traute mich ihn jedoch nicht vor den vielen unbekannten Kommillitonen laut zu sagen. Ich wollte es, doch die Angst überkam mich, dass er nicht gut ankommen wird. Je länger ich wartete, desto schlimmer wurde es. Irgendwann habe ich beschlossen, ihn einfach laut zu sagen, denn das war genau das, wovor ich mich gefürchtet habe. Denn am Ende ging es mir nur noch darum, mir selber zu beweisen, dass ich mich von der Angst nicht lähmen lasse. Es ist zwar ein sehr banales Beispiel (der Witz war aber echt gut, dass müsst ihr mir glauben!), aber die Einstellung dahinter zieht sich durch das gesamte Leben: Nicht die Angst unterdrücken, sondern damit umzugehen lernen.

In Real Life:
„Gibt es außer Angst etwas, was mich davon abhält, das hier (Vortrag in der Uni, auf einer Party mit Leuten Kontakt herstellen…) zu tun? Wird es mein Leben bereichern? Okay, dann weiß ich was zu tun ist, auch wenn mein Gefühl mich davon abhalten will“. Nebenbei: Angst tritt nur dann auf, wenn man etwas tut, was außerhalb seiner Comfortzone ist. Die Comfortzone ist ein interessantes Thema, jedoch würde es hier zu weit führen. Googelts einfach, am besten zu einem Psychologischen/NLP verwandten Thema

Sich der Angst stellen:
Hier wird es interessant. Wenn ihr merkt, dass ihr oft in wichtigen Matches nervös seid und dies abstellen wollt, dann begebt euch in solche Situationen, wo ihr dieser Angst ausgesetzt seid!!
Zu den Anfängerzeiten von YouGenius und mir haben wir oft MoneyMatches ausgetragen, sogar meistens gegen Spieler, die besser waren als wir.
Wir sind am Anfang zu früh aus Turnieren rausgeflogen als das wir Zeit hatten, uns an die Turniersituation gewöhnen zu können. Also machten wir MMs. Es stellt eine Turniersituation sehr gut nach, denn es geht ja nun um etwas. Jede Combo die nicht sitzt kostet Geld und jeder Fehler der zu Damage führt kostet ebenfalls Geld etc.
Spielt ihr gegen Spieler, die weniger Skill haben als ihr, dann macht ein FT5 und wenn ihr verliert, dann gebt ihr dem Gegner Geld. Falls ihr jedoch , wie zu erwarten gewinnt, dann nehmt ihr nichts.
Seid kreativ, wie ihr euch in Situationen bringen könnt, die euch nervös machen. Je häufiger ihr solchen Situationen ausgesetzt seid, desto besser könnt ihr mit der Angst umgehen.

Und ganz wichtig:
Ihr müsst die Basics eures Chars beherrschen. Das klingt vielleicht für die meisten banal, aber Fakt ist, dass die meisten Spieler sich, was ihre Basics angeht, komplett falsch einschätzen. Ich schätze, dass gerade mal 10-12 Spieler in Deutschland ihre Basics beherrschen. Diese Spieler könnt ihr ganz einfach an den letzten 4-5 Turnierergebnissen ablesen. Zum Thema (ehrlichen) Selbsteinschätzung einfach mal die letzten Posts im Mindset-Thread durchschauen. Da habe ich auch eine Übung erwähnt, um zu testen, wie gut man sich wirklich einschätzt.

Schluss und Wehrmutstropfen:
Solange man ein Mensch mit Gefühlen ist, wird man nie die Angst verlieren. Sie ist sogar zu etwas gut. Die Leute, die ihr erliegen, bringen es nicht weit. Die Leute, die lernen damit umzugehen, sind keine Grenzen gesetzt.
Schaut euch ausserdem mal einige Profi-Matches an. Selbst Daigo, Tokido und sonst wer droppen Combos, verpassen einfache Punishes etc. Achtet mal darauf und ihr werdet sehen, dass selbst diese erfahrenen Spieler immer noch Anfänger-Fehler machen. Sie sind schließlich auch nur Menschen (auper Poongko, er ist eine Maschine)

Ansonsten würde wir gerne von euch hören wie ihr eure Nervosität überwunden habt.