Ich möchte meine Gedanken zum Thema Selbsteinschätzung loswerden. Auch wenn viele Gedankengänge dazu schon in den vorherigen Artikeln angedeutet wurden, so ist das Thema noch nicht klar und deutlich beschrieben worden. Dies möchte ich nun ändern.

 

Die meisten Menschen schätzen sich besser ein als sie es tatsächlich sind

Was ist Selbsteinschätzung?! Nimmt man das Wort auseinander, kommt man schon zu einer wichtigen Erkenntnis:
Man kann sich selber nicht objektiv beurteilen, nur Selbst-schätzen. Das ist leider unausweichlich mit Fehlern verbunden, denn jeder Mensch schätzt sich generell besser ein als er ist. Dieser Satz ist so wichtig, deshalb sollte man ihn sich klar vor Augen führen. Jeder! schätzt sich besser ein, als er ist. Dies ist leider die menschliche Natur und solange man keine depressiven Neigungen besitzt, trifft es auf den Großteil der Menschen zu (Ausnahmen bestätigen bekanntlich die Regel).
Wurde nebenbei auch in vielen Versuchen bestätigt:
Es wurden mal Autofahrer gefragt, wie gut sie sich Selbst im Vergleich zum Durchschnitt als Autofahrer schätzen. Ergebnis: Über 90% schätzten sich besser als der Durchschnitt ein.
Interessant, denn: Wenn sich jeder Objektiv bewerten könnte, würden sich manche schlechter, die anderen besser einschätzen wodurch man automatisch auf 50% kommen müsste.

Die Gründe, wieso sich selber jeder schätzt, sind für uns in diesem Kontext unwichtig. Wichtig ist nur, dass man sich selber, zum Teil unbewusst, viel besser schätzt, als man ist.
Das kann natürlich Vorteile haben, wenn man aber an sich arbeiten und weiterkommen möchte, ist eine objektive Einschätzung notwendig, egal ob in Fighting Games oder in Reallife (dazu später mehr).
Denn wie soll man an sich arbeiten, wenn man denkt, dass man es gar nicht nötig hat? Wieso soll man, als Beispiel, Combos im Trainingsmodus üben, wenn man glaubt, dass man sie genügend beherrscht?
Ich habe schon mit sehr vielen Spielern vor und nach einem Turnier gesprochen. Über ihre Ziele im Turnier und danach über die Gründe, wieso sie verloren haben. Das Interessante war, dass deren Begründung (oder Einschätzung) für ihre Niederlage ganz andere Gründe hatte als die, die ich gesehen habe. Häufig sind es gedroppte Combos, aber auch die Tagesform oder ein misslungener Punish wird oft genannt und am besten ist es, wenn gleichzeitig noch die Ausrede genannt wird, wieso man die Combo oder den Punish gedroppt hat.

 

Es sind immer die anderen…

Wahrscheinlich werden mir bis hierhin viele Spieler zustimmen („Immer diese ANDEREN Spieler, die ihre Niederlage nicht richtig einschätzen können…“). Aber genau das ist das Problem: Es sind immer die Anderen.
Keiner würde an dieser Stelle offen und erleuchtet zugeben, dass er genau zu diesen Spielern dazugehört.
Dann machen wir einen Test und finden einfach heraus, ob du (der Leser) sich selber richtig einschätzen kannst.

Frage:

Wie gut triffst du deine Standard BnB-Combos? Gehörst du zu denen, die die Combos solide anbringen können?
Wenn du beide Fragen selbstbewusst beantwortet hast, dann prüfen wir doch einfach mal objektiv nach, ob du dich richtig eingeschätzt hast.
Test:
Gehe in den Trainingsmodus und mache ein und dieselbe Combo genau 20 mal hintereinander. Du hast genau 20 Versuche. Nicht mehr nicht weniger. Von neu anfangen darfst du nicht… schätze am besten vorher, wie oft du die Combos richtig anbringen wirst (am Besten erst weiterlesen, wenn man den Test gemacht hat)

Die meisten werden jetzt überrascht sein, wie oft sie die Combo droppen.
Ich habe, bei mir als Beispiel, die Anforderungen, eine Combo von 19/20 Versuchen zu treffen. Klingt eigentlich als sehr treffsicher, jedoch übertragen wir diese Trefferwahrscheinlichkeit auf ein ganzes Turnier:

Wir rechnen jetzt ein Turnier mit 5 Spieler pro Gruppenphase (4 Matches, BO3 Rounds/Matches, 3 mal eine Combo anbringen pro Runde) macht:
4 Matches * 6 (Runden, wenn man die Matches jeweils 2:1 gewinnt) * 3 (Combos pro Runde). Ergebnis sind 72 Combos. Das heißt, dass wenn ich von 20 Combos 1 droppe, habe ich nach meinen Anforderungen statistisch gesehen allein in der Gruppenphase ca. 3 mal die Combo gedroppt!
Wenn man bedenkt, dass es nach der Gruppenphase mit noch mehr als 4 Matches weitergehen kann, summiert sich die Droprate während des ganzen Turnieres locker auf über 6. Wenn man bedenkt, dass dieser Wert (19 von 20 Trefferwahrscheinlichkeit) im Trainingsmodus ermittelt wurde, wo der Dummy sich liebevoll verdreschen lässt, so ist dieser Wert für ein Turnier, wo die Anspannung ins unermessliche steigt, kaum noch gültig.
Diese Rechnung kann einen soliden Richtwert für die eigene Perfomance im Turnier liefern.
Wenn dann jemand sagt, er hat die Combo gedroppt, weil er *Ausrede einsetzten*, dann ist die brutale Antwort: Falsch, du hast die Combo gedroppt, weil du sie nicht gut genug beherrschst. Gehe lieber in den Trainingsmodus und übe noch ein wenig.

 

Der Nutzen einer richtigen Einschätzung

Und an dieser Stelle kommen wir zu dem Anfangsthema: Wieso ist es so wichtig, sich selber richtig einzuschätzen? Nehmen wir wieder das obere Beispiel mit den gedroppten Combos:
Schätzt man sich richtig ein und ist ehrlich zu sich selbst, dann kratzt das natürlich in erster Linie am eigenen Ego (man ist gar nicht so gut wie man denkt). Ausserdem zeigt die ehrliche Einschätzung, dass es wieder notwendig ist, in den Trainingsmodus zu gehen und stumpf Combos zu üben. Auch wenn dies kurzzeitig der schmerzhaftere Weg ist, so ist er auf langer Sicht von Erfolg gekrönt. Im nächsten Turnier sitzen die Combos besser.
Der leichtere Weg ist natürlich, sich selber besser einzuschätzen, ein gutes Gefühl zu erhalten (naja, wäre ich nicht so nervös gewesen, hätte ich die Combo richtig angebracht). Jedoch wird man bei dieser Einschätzung wohl kaum in den Trainingsmodus gehen. Beim nächsten Turnier droppt man wieder eine Combo und dann ist es die Sonne schuld…

Lieblingszitat von YouGenius an dieser Stelle:
“Es gibt den leichten Weg… und es gibt den richtigen“
Hast du, lieber Leser, dich bei dem Test richtig eingeschätzt? Wenn nein, kann es dann nicht sein, dass du dich in anderen Bereichen ebenfalls falsch einschätzt?
Nochmal was zum Thema Mindset, weil es an dieser Stelle so gut passt:
Nachdem YouGenius den ersten Artikel zu Mindset veröffentlichte, war die Community begeistert. Der Artikel half vielen in ihrer Herangehensweise an Turniere. Leute, die vorher falsch an Turniermatches rangegangen sind, konnten dies nun ändern.
Jedoch gab es auch viele, die den wahren Kern von dem richtigen Mindset nicht verstanden haben:
Das Mindset verändert weder die Umwelt noch irgendwelche Ergebnisse. Es hilft dir im hier und jetzt mit einer Situation fertig zu werden. Nicht mehr und nicht weniger. Du kannst mit dem richtigen Mindset zwar deine Performance steigern (was selbstverständlich wichtig ist), aber das ist davon abhängig, wie gut deine Grundperformance ist!
Vor dem ersten Artikel von YouGenius zum Thema Mindset sagten viele Spieler nach einer Niederlage, sie haben nicht gut gespielt oder Combos gedroppt. Nach dem ersten Artikel hörte man auf einmal, dass es am falschen Mindset lag!
Das ist komplett Falsch. Wer seine Combos im Trainingsmodus nicht anständig trifft, wird sie auch mit dem besten Mindset der Welt nicht viel besser treffen.

 

Eine hilfreiche Methode zur Selbsteinschätzung

Auch wenn das richtige Mindset wichtig ist um viele Situationen richtig zu meistern, brauchen wir eine solide Selbsteinschätzung, um an uns arbeiten zu können. Wir wollen schließlich unsere Schwachstellen erkennen, die wir aber aus unserer Sicht nicht sehen können. Wie können wir also einen Weg finden, uns aus unserer Sicht gut einzuschätzen?
Der Trick ist einfach, die Umsetzung auch, nur die Ehrlichkeit zu sich selber ist dabei entscheidend:

Man nimmt die Umwelt als Maßstab. Setzen wir das Beispiel mit den Combos im Trainigsmodus fort:
1. Maßstab setzen („wie oft muss ich diese Combo treffen, damit ich mit meinem Ergebnis zufrieden bin“)
2. Sich selber schätzen („wie oft werde ich diese Combo treffen“)
3. Test (Combo solange anbringen, bis man sie droppt).

Wie man sehen kann, sind in jedem der drei Punkte Referenzangaben an objektiven Zahlen gekoppelt. Sich selber reinlegen kann man nicht.
Die eigene Schätzung (Punkt 2) ist meiner Meinung nach sehr wichtig. Denn sie zeigt einem am deutlichsten, ob man sich selber richtig, zu gut oder zu schlecht eingeschätzt hat.

Wenn wir diese Methode weiter auf Fighting Games anwenden, dann können wir uns als Spieler besser (nicht unbedingt richtig) einschätzen:

  • Bin ich wirklich gut im Anti Airen? (Matches analysieren und schauen, wie oft man Anti Airs ausgelassen hat)
  • Gehöre ich wirklich zu den Top 10 Spielern in Deutschland (die letzten 3 Turnierergebnisse anschauen. Spiegelt die eigene Platzierung im letzten Turnier meine Fähigkeiten wieder oder hatte ich nur ein leichtes Bracket? Hat man einen aus den Top 10 besiegt?)

Wie man es auch falsch machen kann, zeigen die tagtäglichen Beispiele:

  • In Casuals (oder noch schlimmer: online) gegen gute Spieler gut abschneiden und dies als Maßstab nehmen. Es ist zwar natürlich schön, dass man gut abgeschnitten hat, aber wenn nichts auf dem Spiel stand (Moneymatch oder Turnier) dann ist das Ergebnis begrenzt aussagekräftig.
  • Sich selber als gut einschätzen, obwohl die Turnierergebnisse was anderes sagen. Wenn man objektiv wissen will wie gut man ist, dann einfach den Durchschnitt der letzten 3-5 Turniere nehmen. Eventuell noch sein eigenes Ranking nach oben (wenn man starke Spieler im Bracket hatte) oder nach unten verschieben (wenn man ein einfaches Bracket hatte).
  • Sich selber gut darstellen lassen. Ich weiß, ein sehr frei interpretierbarer Begriff. Wer aber die Anfänge der SF4 Community in den Jahren 2009-2011 mitbekommen hat, der wird viele Namen kennen, die sich besser geredet haben als sie es waren. Zum Glück hat sich dies zum Größtenteils geändert oder diese Leute sind nicht mehr in der Community aktiv (weil sie sich bestimmt falsch eingeschätzt haben hehe).

Wir können lernen uns nicht nur in Fighting Games besser einzuschätzen, sondern auch im echten Leben.
So behaupten Beispielsweise alle, dass sie offen und tolerant sind (wer würde sich schon als das Gegenteil davon bezeichnen?!). Interessant wird es jedoch, wenn man mit Menschen über Themen redet, die ihr Weltbild nicht widerspiegeln. Ob ein Mensch auf neue Themen mit „das kann nicht sein/das glaube ich nicht“ oder mit „interessant, das kannte ich noch nicht, erzähl mir mehr“ antwortet, zeigt wer wirklich offen ist und wer sich nur dafür hält.

Oder ein anderes Beispiel: Ich habe schon viele Leute kennen gelernt, die in der Community bei anderen aneckten. Aus der Sicht des Störenfrieds waren natürlich die anderen Schuld. Jedes mal gab es andere Begründungen, jedes mal war die Situation anders.
Doch wenn es so häufig auftritt, dann ist vielleicht die Person selber für den Ärger verantwortlich? Eine ehrliche Einschätzung könnte dieser Person helfen sich selber als der Störenfried zu identifizieren und Wege finden, an diesen aneckenden Verhalten zu arbeiten.
Es gibt noch viele andere Beispiele. Jeder hat Fähigkeiten oder Interessen, in denen er sich gerne steigern würde. Doch oft genug sind es nicht die Maßnahmen, die den Fortschritt verlangsamen, sondern die fehlende Erkenntnis, wo man gerade steht.

Egal ob in Fighting Games oder Reallife, jedes mal wenn ich Personen traf, die extrem gut in etwas waren, hatten sie eine Gemeinsamkeit: Sie waren bescheiden. Sie ließen Taten für sich sprechen und haben diese sogar kleingeredet. Die, die mit ihren Taten nichts vorzuweisen hatten, musste diese besser reden. Einfach mal in Zukunft darauf achten 😉