Es wird mal wieder Zeit über ein Thema zu schreiben welches bestimmt jeder einmal erlebt hat. Dieses plötzliche Gefühl, dass man nicht weiterkommt. Es trifft einen wie ein unerwarteter Schlag.
Egal was man macht, egal welche Optionen man im Kopf durchgeht, egal wie sehr man sich bemüht, man sieht einfach keinen Ausweg aus dieser Situation.
Ich möchte meine Gedanken über Stagnation niederschreiben.

Stagnation in dem Sinne, dass man in seinem Game (oder einem Problem im echten Leben) nicht mehr weiterkommt. Man beherrscht seinen Charakter, hat früher Top-Resultate erbracht und war stolz auf seine Leistung. Doch auf einmal zählt das alles nichts. Man fühlt, wie man sein Limit erreicht hat und man nie wieder was Außergewöhnliches erreichen wird und dazu die beklemmende Gewissheit, dass dieser Zustand sich nicht verändern wird. Das allerwichtigste über Stagnation:
Stagnation ist zum Glück nur ein subjektives Gefühl. Das bedeutet, es ist nicht die Wahrheit und vor allem nicht das Ende, auch wenn es sich so anfühlt.
Stagnation kommt aus dem einfachen Dilemma heraus, dass man ein Problem hat, welches man nicht lösen kann. Ein Problem kann man jedoch nur deshalb nicht lösen, weil man (noch) nicht die nötigen Optionen zur Lösung kennt. Mit Optionen meine ich das nötige Wissen, welches notwendig ist um eine Aufgabe, sprich Problem, zu lösen.
Das ist schon mal der erste wichtige Schritt den man erkennen muss: Man hat zum jetzigen Zeitpunkt einfach nicht alle Optionen ausgeschöpft, die einem zur Verfügung stehen und das man sich bewusst aus der Stagnation herausziehen kann.
Die meisten sehen diesen wichtigen Schritt nicht, verharren in ihrer Starre und das ist das verheerende: Stagnation bedeutet Stillstand und Stillstand bedeutet Rückschritt.
Wenn man sich bewusst gemacht hat in welchem Zustand man ist, fängt die schwierige Aufgabe erst an: Das Suchen nach Informationen! Denn der Zustand, in welchem man sich befindet kann gelöst werden.
Dafür braucht man die richtigen Informationen. Meiner Meinung nach geht meistens eher darum, das Problem aus einer anderen Perspektive zu sehen und das schafft man, indem man so viel Input erhält wie möglich.
Mögliche Vorgehensweisen:
– Sich mit vielen Leuten über dieses Problem unterhalten und vor allem ihre Meinung anhören und versuchen ihren Standpunkt zu verstehen.
– Sich mit Menschen unterhalten, die ein ähnliches Problem hatten, egal ob sie es gelöst haben oder nicht. Vielleicht hatten diese etwas ausprobiert was ihnen nicht geholfen hat aber einem selber hilft!
– Wenn möglich, das Problem konfrontieren. Auf Bemus bezogen: Trainingsmodus!
– Internetrecherche, egal ob Foren, Videos oder Blogs.

Es geht einfach nur darum, so viel Wissen wie möglich aufzusaugen. Man weiß vorher nicht, was einem hilfreich sein wird und was nicht.
Manchmal kann man das Problem bewusst und gezielt lösen. Man erfährt eine Lösung, die man vorher nicht kannte. Doch häufig kommt es auch vor, dass man die Lösung einfach nicht findet und das Problem sich, zumindest vom Gefühl her, nicht lösen lässt.
Hier empfehle ich eine Pause von der Problemlösungssuche. Wenn man sich zu sehr auf das Problem fixiert, kann es passieren, dass man alle Lösungen ausblendet und den Wald vor lauter Bäumen nicht sieht.
Es ist so, dass die menschlichen Sinnesorgane unterbewusst viel mehr Informationen aufnehmen (und auch speichern) als der Mensch es bewusst wahrnimmt. Löst man sich von der versteiften (wieder ein Wort, dass auf Stillstand hindeutet) Haltung und lenkt sich ab, wird das Unterbewusstsein die Informationen sortieren und einem im optimalen Fall zur Verfügung stellen. Deshalb fallen einem die besten Ideen auch nicht im Meeting, sondern in der Freizeit ein.
Wenn man zum Beispiel in seinem Game nach einem harten Casual-Wochenende oder Turnier nicht weiterkommt, dann empfehle ich eine bewusste Pause zu mache, das Spiel nicht mehr anzufassen und sich mit anderen Dingen zu beschäftigen. Denn wenn man in einem negativen Zustand spielt, sich vermöbeln lässt und „einfach nichts klappt“, dann gewöhnt man sich auch dieses Verhalten an. Dieses sollte man sofort unterbrechen.
Die Dauer der Pause kann man nicht exakt bestimmen. Es kann nur ein Tag oder auch ein Monat sein.
In dieser Pause kann man sich Matchvideos anschauen oder mit anderen Leuten reden, um so viel Infos wie möglich zu sammeln (die zu neuen Sichtweisen und Lösungsansätzen führen). Vor allem nachdem man viel gezockt hat oder sich mit diesem Problem auseinander gesetzt hat, hat man unterbewusst viele Informationen schon aufgenommen, obwohl man das nicht wahrnimmt. Man kann die Informationen vielleicht nicht immer bewusst verarbeiten, aber unterbewusst tut es der Körper.

Beispiel aus meiner Erfahrung, anhand SF4:
Kurz vor dem DUC 2012 (DaUltimateCrushing) hatte ich das Gefühl, mit meinem Cody nicht weiter zu kommen. Ich beherrschte meine Combos, benutzte Anti-Airs, meine Verteidigung war solide und mein Angriff war gut.
Doch plötzlich verlor ich gegen Spieler, gegen die ich sonst locker gewonnen habe oder ich verlor so viele Ranked Matches wie noch nie. Und das mehrere Tage hintereinander!
Da hatte ich das erste Mal das Gefühl der Stagnation kennengelernt. Das Spiel machte keinen Spaß mehr und ich wusste gar nicht, wofür ich meine Zeit noch weiter investieren soll.
Nun hätte ich weiterspielen können und darauf hoffen, dass sich was ändert. Ich habe das Gegenteil gemacht. Ich hörte auf zu zocken und habe nach Hilfe gesucht.
Ich quatschte Shind an, der sich damals langsam aus der Bemu-Szene zurückzog. Er gab mir den einfachen Tipp, erstmal nicht zu zocken sondern mir einfach ein paar Match-Videos anzuschauen und ein bisschen zu lesen.
Das klang zwar simpel und nicht gerade vielversprechend, doch ich tat es.
Ich schaute mir viele Matchvideos an und analysierte mein Game in vielen Abschnitten: Footsies, Verteidigung, Angriff, Reaktion. Dann trainierte ich noch mal meine Fundamentals: Combos, AA, Reaktionen, Matchups.
Ich lernte auf der bewussten Eben nichts Neues dazu, doch auf dem nächsten Turnier zeigte sich, dass ich unterbewusst mehr dazugelernt hatte als erwartet. Mit dem Ergebnis, dass ich auf dem kommenden DaUltimateCrushing Tokido besiegt habe!

DUC2k12-Stuttgart-4725-me

Weiteres Beispiel:
Ich musste eine mündliche Prüfung in der Uni vorverlegen. Für diese Prüfung habe ich die Klausuraufgabe schon einen Monat vorher erhalten und musste sie selbstständig lösen. Doch sie war zu schwer für mich alleine.
Meine Kumpels konnten mir nicht helfen, da sie die Klausur erst später schrieben und sich mit dem Thema noch nicht auskannten. Also musste ich alleine ran.
Ich saß tagelang vor dieser Klausuraufgabe und kam einfach nicht weiter. Egal wie viel ich im Internet recherchierte oder den Tutor fragte, ich kam einfach nicht weiter, bis es nur noch 5 Tage bis zur Klausur waren.
Mein Körper geriet, mit jedem Tag den die Klausur näher kam, mehr in Panik.
Meine Kumpels wollten mit mir einen trinken gehen und ich sagte instinktiv ab, denn das würde den nächsten Tag aufgrund eines möglichen Katers zunichtemachen.
Jedoch stimmte ich zu, ging mit meinen Freunden aus, vergaß die Klausur für einen Abend und wachte am nächsten Tag motiviert auf. Ich setzte mich an die Aufgabe und wie durch ein Wunder konnte ich eine Teilaufgabe lösen. Diese Wende führte dazu, dass ich auf einmal in der Lage war, die andere Aufgaben zu lösen bis hin zu dem Punkt, wo ich fast alle Aufgaben gelöst habe und voller Selbstbewusstsein in die mündliche Prüfung ging.
Das Lustige dabei: Ich habe fast alle Fragen falsch beantwortet. Doch war es schlimm? Nein, denn ohne diese Pause wäre ich wie ein depressives Wrack mit einem leeren Aufgabenblatt zu der Prüfung hingegangen.
Die Pause, die mir zu einem neuen Optimismus verhalf, führte dazu dass ich aktiv wurde und neue Möglichkeiten sah. Da wo vorher Pessimismus und Stillstand herrschte, überkam mich auf einmal Optimismus, Selbstbewusstsein und Motivation.
Ich denke jeder auch für sich selber genug Beispiele aus den eigenen Erfahrungen aufzählen.

Zusammenfassung:
1. Stagnation ist nur ein vorübergehender Zustand, der durch einen Wissensmangel hervorgerufen wird.
2. Neues Wissen ist notwendig, um diesen Zustand erfolgreich ändern zu können.
3. Hilft auch das nicht, sollte man bewusst eine Pause machen und darauf vertrauen, dass der eigene Körper genug Informationen hat, um das Problem zu lösen.

Ergänzung von TR YouGenius:
Stagnation ist für mich das Resultat von zu viel spielen oder was auch immer man macht. Sei es in real life oder bis man nur noch im Autopilot, praktisch ohne zu denken, den Stick bewegt.
Was dabei passiert ist, dass sich alles wiederholt und das Gehirn alle Situationen kennt und deshalb immer gleich auf die Situationen reagiert. So als ob man eine Abkürzung übers Gras nimmt. Das Gras in diesem Weg wird platt getreten und am Ende, weil wir so oft darüber gelaufen sind, entsteht ein immer festerer Weg. Genauso arbeitet das Gehirn.
Der eigene Spielstil wird so fest verankert, dass dieser immer wieder braindead abgespult wird. Dabei kann selten eine Steigerung erfolgen, weil kein neues Wissen vorhanden ist um eine Anpassung durchzuführen.

Zitat von Sheva
2. Neues Wissen ist notwendig, um diesen Zustand erfolgreich ändern zu können.

Daher: WIE eigne ich mir neues Wissen an?
Meiner Meinung, wie oben erwähnt ist der eigene Spielstil das Problem und gleichzeitig die Lösung.
Eine Möglichkeit wäre es z.B. bei einem aggressiven Spielstil, fast zu 100% extrem defensiv zu spielen. Nicht defensiver. Sondern eine Burg, eine Mauer und einen Graben als eigene Verteidigung aufzubauen.
Dieser extreme Wandel im Spielstil wird einem so viele neue Eindrücke vermitteln, dass der Spielstil bzw. der eigene Blickwinkel insgesamt verändert wird.
Und als dicken Bonus: Das defensive Können wurde gesteigert.
Und wozu gibt es so etwas lästiges wie Stagnation?
So werden nur die Kreativen und Willensstarken belohnt.
Wenn es keine Stagnation gäbe, wäre jeder mit ein wenig Zeit irgendwann der nächste Daigo.
Nur die Ehrgeizigen kommen weiter. Durch Stagnation wird die Spreu vom Weizen getrennt.
Der Olymp ist nicht für Leute reserviert, die nach den ersten Problemen aufhören. Oder in einem meiner Lieblingszitate ausgedrückt:
Do you remember the guy who gave up?

Passend zum Thema habe ich Gamerbee vor dem RFD III zum diesem Thema befragt. Das Interview war spontan und daher sorry für die schlechte Beleuchtung zu Beginn des Videos.